Diese Gedanken sind nur klitzekleine Anmerkungen. Oder sollte ich besser sagen Anregungen? In jedem Fall sollen sie Lust machen, sich selbst einmal mit den Gedichten Eugen Roths kreativ auseinander zu setzen.

Wer mit Freude, Spaß und Begeisterung lernt, lernt schneller, leichter und behält mehr. Dieser Grundsatz der Pädagogik scheint, wenn ich zurückblicke auf meine eigene Schulzeit, damals noch nicht erfunden gewesen zu sein. Als ich mich dann später auf der Universität mit Psychologie und Pädagogik beschäftigte und später „unterrichtenderweise“ die Theorie mit der Praxis verbinden konnte, versuchte ich, diesen Grundsatz anzuwenden. Die Werke Eugen Roths halfen mir dabei.

Ich finde es immer wieder beglückend, wenn bei der Interpretation von Gedichten eigentlich schüchterne Menschen plötzlich aus sich herausgehen und mit Freude die neuen Stimmfarben auskosten, in Rollen schlüpfen und beglückt ganz neue Seiten ihrer Persönlichkeit ausleben. Denn: Monotonie tötet die Aufmerksamkeit.

Gehen wir in den Bereich der Musik. Wie vielfältig ist die musikalische Welt der Töne. Um nur einige Elemente herauszugreifen: Die Lautstärke kann von einem Pianissimo bis zu einem Fortissimo variiert werden, Staccati wechseln sich mit Legati ab, Taktwechsel und verschiedene Tonarten bringen weitere Variationen. Und dies sind nur einige wenige Gedanken dazu. Auch unser einzigartiges Instrument, die Stimme, verfügt über eine riesige Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten.

An einigen Beispielen möchte ich gerne aufzeigen, wie man, gerade mit Hilfe von Gedichten Eugen Roths, die eigenen stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten steigern kann. Dabei sind die Gedichte, so schön sie sind, in diesem Fall nur Übungsobjekte, um die Bandbreite der Stimme zu erweitern und neue Schwebungen und Farben in die Stimme zu bekommen. Vielleicht ist es nicht ganz uninteressant zu erfahren, dass für das Verstehen einer Nachricht die verbale Komponente, der Wortlaut, nur zu 7 Prozent ausschlaggebend ist. Viel wichtiger ist, „wie“ etwas gesagt wird. Man spricht hier auch von „prosodischen Verständigungssignalen“. Sie können Ihre Stimme, je nach Inhalt der Gedichte, einfärben: fröhlich, traurig, brüchig, erregt, bewegt, sachlich, ehrlich, dienstbereit, bittend, donnernd, respektvoll, langweilig, mitfühlend, gelöst, warm, zärtlich, beruhigend, schmeichelnd, sinnlich, dynamisch, kalt, säuselnd, hart, grob, schmetternd, gönnerhaft, flötend, arrogant, klirrend usw.. Diese erweiterten stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten – natürlich entsprechend dosiert und richtig eingesetzt (!!!) – werden bei Ihrem nächsten Vortrag beim Zuhörer Aufmerksamkeit, oder sogar Faszination auslösen. Oder, wenn ich es allgemeiner formuliere, wird Ihre stimmliche Präsenz schon beim nächsten Gespräch Ihr Gegenüber für Sie einnehmen.

Am Beginn jeglicher Beschäftigung mit einem Gedicht steht die Textanalyse. Wie der Journalist, sollte sich auch der Leser oder Interpret die berühmten „W“-Fragen stellen. Ich möchte als Beispiel nur einige herausgreifen. Wir fragen uns: Worum geht es in dem Gedicht? Ist die Thematik ernst , dramatisch, heiter, traurig …? Wie viele Personen gibt es in dem Gedicht? Verändert sich die Ausgangssituation, zum Beispiel vom Heiteren ins Traurige? Gibt es also Brüche? Wenn ja, wo? Kann ich mit einer Stimmfarbe die kommende Veränderung schon andeuten?

Was fällt mir zu den einzelnen Personen ein? Wie stellt der Dichter sie dar? Mit welchen Worten beschreibt er sie? Eine „Frau“ ist etwas anderes als ein „Frauenzimmer“ (in dem Gedicht: „Kleine Ursachen“). Wie kann ich die Personen charakterisieren? Hier kann man seine Kreativität ausleben.

Wie gliedere ich die Szenen? Bitte nicht Zeile für Zeile sprechen! Welche Zeilen müssen zusammen auf einen Atem- und Spannungsbogen gesprochen werden. Als Beispiel wieder aus dem Gedicht „Kleine Ursachen“ die Beschreibung des „Frauenzimmers“, das über vier Zeilen dargestellt wird:

„Und zwar von einem Frauenzimmer,
das grad, aus was für Gründen immer,
vielleicht aus ziemlich hintergründigen,
bereit ist, diese Nacht zu sündigen.“

Wer hier den Spannungsbogen unterbricht, verschenkt die Gesamtdarstellung dieser „Dame“.
Als Beispiel für eine mögliche Interpretation soll „die Torte“ dienen.

 

Die Torte

Ein Mensch kriegt eine schöne Torte.
Drauf stehn in Zuckerguß die Worte:
„Zum heutigen Geburtstag Glück!“
Der Mensch ißt selber nicht ein Stück,
Doch muß er in gewaltigen Keilen
Das Wunderwerk ringsum verteilen.
Das „Glück“, das „heu“, der „Tag“ verschwindet,
Und als er nachts die Torte findet,
Da ist der Text nur mehr ganz kurz.
Er lautet nämlich nur noch: .. „burts“..
Der Mensch, zur Freude jäh entschlossen,
Hat diesen Rest vergnügt genossen.

 

Worum geht es darin? Ein Mensch bekommt zum Geburtstag eine Torte geschenkt. Also ein freudiger Grundton, der dann umschwenkt („der Mensch ißt selber nicht ein Stück“) und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten beschreibt, gewissermaßen die Zwänge, denen ein Geburtstagskind unterliegt („doch muß er in gewaltigen Keilen das Wunderwerk ringsum verteilen“). Und nun verteilt der Mensch die Torte, die er so gerne selbst essen würde („Das „Glück“, das „heu“, der „Tag“ verschwindet“). Das Ergebnis ist, dass nur ein magerer Rest übrigbleibt („und als er nachts die Torte findet, da ist der Text nur mehr ganz kurz. Er lautet nämlich nur noch: „burts“.“). Und jetzt schwenkt die Stimmungslage erneut um zur Freude („Der Mensch, zur Freude jäh entschlossen, hat diesen Rest vergnügt genossen“).

Mit einigen wenigen Grundregeln kann man die Wirkung der Sprache um 20 bis 30 Prozent verbessern, etwa mit dem Mut zur Pause. Geben Sie dem Zuhörer Gelegenheit, das Gehörte nicht nur mit den Ohren zu erfassen, sondern auch mit der Phantasie im Kopf. Erzeugen Sie Bilder im Kopf des anderen oder Szenen: „Hörbilder“. Fassen Sie zusammengehörige Zeilen auch zusammen. Gehen Sie mit der Stimme runter zum Punkt. Schließen Sie eine Szene ab. Dann können Sie die nächste wieder aufbauen.

An dieser Stelle möchte ich wenigstens hinweisen auf die richtige (Zwerchfell-)Atmung. Nach meiner Seminarstatistik atmen etwa 80 Prozent falsch. Beim richtigen Einatmen geht das Zwerchfell nach unten, „der Bauch wölbt sich nach vorne“. Durch die richtige Atmung können Sie u. a., was vielen Menschen große Probleme bereitet, die Geschwindigkeit der (zwerchfellgestützten) Sprache dosieren, die Stimme wird tiefer und voluminöser, Sie können besser artikulieren und haben, salopp gesagt, „die Sprache im Griff“. Ein von mir gerne im Unterricht verwendetes Bild ist: „Seien Sie der Reiter – die Sprache ist das Pferd“. Das kommt beim Hörer als „Kompetenz“ an.

In den Gedichten von Eugen Roth sind viele rhetorische Spannungselemente eingebaut. Auch Einschübe, sicher teils durch den Reim bedingt, eignen sich hervorragend, um von einem eher monotonen Sprechen zu einer Vielfalt der Sprachgestaltung zu kommen. Bei
„Voreilige Grobheit“ heißt es: „Er schreibt, obgleich er viel verscherzt, noch einen Brief, der sehr beherzt, ja, man kann sagen, voller Kraft, ganz ehrlich: äußerst flegelhaft!“ Hier fällt auch die vom Dichter sehr häufig verwendete dreifache Darstellung eines Inhaltes als Steigerung auf („sehr beherzt“, „voller Kraft“, „äußerst flegelhaft“).

Dass Eugen Roth ein Meister der Wortbilder war, und wie kreativ er mit der deutschen Sprache umging, lässt sich an vielen Gedichten aufzeigen (bei „Voreilige Grobheit“: “der Mensch, der mit dem Brief, dem groben, sein Seelenkonto abgehoben“). Ebenso meisterhaft konstruiert er einen ins Extrem getriebenen Irrealis wie in „Falscher Verdacht“, als ein Mensch seine Aktenmappe verlegt hat und sie gestohlen wähnt. Selbst als er erkennt, dass er sie verlegt hat, kann er sich von dem Gedanken nicht trennen, dass sie im Falle des Diebstahles doch jener Mensch gestohlen hätte: „Doch den vermeintlich frechen Dieb gewinnt der Mensch nie mehr ganz lieb, weil der die Mappe, angenommen, sie wäre wirklich weggekommen – und darauf wagt er jede Wette – gestohlen würde haben hätte“.

Ich habe versucht, an einigen wenigen Beispielen aufzuzeigen, wie viel Freude Gedichte von Eugen Roth auch im Unterricht auslösen können und wie viel man an und mit diesen „Sprachperlen“ lernen kann. Wenn Sie ein wenig Lust bekommen haben, Ihre eigenen sprachlichen und Interpretations-Möglichkeiten zu optimieren, dann würde mich das sehr freuen.
C. B.

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